Der Schäfer

Von Schäfern und Beratern

Zum Beitragsbild: „Merger of equals“ – „Fusion unter Gleichen“ = neoliberaler Neusprech für Firmenübernahme

Es war einmal… ein Schäfer der eine sehr große Schafherde hatte.

Er lebte mit seinem treuen Schäferhund und seiner Herde in einem großen, fast unbewohnten Gebiet. Eines Tages fand er ein gerissenes Schaf. Er wusste sofort: „Jetzt sind die Wölfe auch schon hier hin gekommen.“

Er wusste auch, das er vom Staat, der Verwaltung keinerlei Hilfe gegen die Wölfe zu erwarten hatte. Dort freute man sich „wie Bolle“, das die Population von Wölfen in Deutschland wieder zugenommen hatte. Schließlich hatten Tierschützer und Ökologen seit den 1970er Jahren beklagt, das der Wolf in Mitteleuropa so gut wie ausgestorben sei und das wachsende Ungleichgewicht in der Natur insgesamt beklagt.

Seitdem hatte sich auch die Politik geändert und die Wölfe kamen nach Jahrzehnten wieder zurück. Der Schäfer war ein einfacher Mann, er hatte von Politik keine Ahnung, wusste aber ganz instinktiv, das da nie etwas Gutes für Menschen wie ihn heraus kam. Von Ökologie und Natur wusste er viel, schließlich lebte er seit seiner Kindheit in der Natur, mit seinen Schafen und seinem Hund. Und er wollte dieses einfache Leben nicht aufgeben. Wozu auch? Hier war er glücklich und zufrieden, er brauchte keinen Fernseher, kein Internet, er musste für niemanden ständig erreichbar sein.

Ganz selten wanderte er in eines der umliegenden Dörfer, zum Reden, auf ein paar Bier, zum Einkaufen. Denn ein paar wenige Dinge, die er brauchte um sein Leben etwas komfortabel zu gestalten, fand er da draußen nicht.

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Fast jeden Morgen fand er ein gerissenes Schaf. Zwar war seine Herde immer noch sehr groß, der Bestand an sich war nicht gefährdet, wenn es sich nur um einen einzelnen Wolf handeln sollte. Wenn da aber ein Rudel am Werk war, dann hatte er in kurzer Zeit große Probleme.

Er wanderte zur Forstverwaltung. Der Forstmeister verstand seine Sorgen. Auch er hatte Spuren eines Wolfes gesehen. Er war sich sicher, es war derzeit nur ein Tier. Weil der Wolf genug Schafe vorfand, war auch das Wild in den Wäldern noch nicht betroffen.

Der Förster sagte, er könne den Wolf nicht töten. Das sei ihm verboten. Strengstens untersagt. Menschen seien nicht in Gefahr. Er schlug vor, das der Schäfer noch ein oder zwei Schäferhunde anschaffen solle.

Es sei die einzige Möglichkeit, seine Herde zu schützen, vielleicht den Wolf sogar zu vertreiben. Der Schäfer nickte, verstand und es wurde ihm bewusst, das er auf sich alleine gestellt war. Er mochte den Förster, ein Mann, der die Natur genauso liebte und verstand wie er selbst. Aber eben auch ein Angestellter des Staates.

Die Idee mit weiteren Hunden hatte er auch schon gehabt. Sie würde nur nicht so schnell funktionieren, wie es nötig gewesen wäre. Denn die neuen Hunde mussten ihre Aufgabe zunächst einmal erlernen. Das würde dauern und sie würden sich vermutlich, wenn er großes Pech haben würde, untereinander nicht sofort akzeptieren. Eine Menge zusätzlicher Arbeit, denn bald stand die Schur an.

Er beschloss, noch 2 Hunde anzuschaffen. Dafür musste er sogar weiter reisen und seine Herde konnte er zwei Tage und Nächte nicht allein lassen. Er hatte niemanden, der ihn vertreten könnte. Er bat den Förster um Hilfe, aber der musste ablehnen. Versprach aber, zu telefonieren, um einen Hundezüchter zu finden, der bereit war, den Schäfer mit Hunden aufzusuchen.

Es dauerte gut eine Woche, bis ein Züchter den Schäfer besuchte. In dieser Zeit waren 3 weitere Schafe gerissen worden. Er selbst verhinderte in einer Nacht den Tod eines weiteren Schafes, als er den Wolf mit Steinwürfen vertreiben konnte. Es war ein älteres, groß gewachsenes, starkes Tier. Der Schäfer wusste instinktiv, das er diesen Wolf nicht würde vertreiben können, wenn dieser ausgehungert sein würde.

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Die beiden Hunde, die er schließlich auswählte, waren ein wahrer Glücksgriff. Der Schäfer hatte zwar ein Gespür für Tiere, für Hunde, aber er war auch skeptisch, denn sein Hund, der bereits 5 Jahre mit ihm zusammen arbeitete, war kein besonderes geselliges Tier. Er tat seine Arbeit, aber in Bezug auf andere Hunde konnte er schon mal bissig werden.

Doch die beiden neu hinzu gekommenen Hunde erkannten ihn als Leithund an und taten ihre Arbeit dazu noch ausgezeichnet. Sie waren gelehrig, jung, stark und ausdauernd.

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Und tatsächlich, die Verstärkung tat ihre Wirkung, der Wolf ließ sich im Umkreis der Herde nicht mehr blicken. Der Förster bestätigte dies, denn er hatte gerissenes Wild im Wald aufgefunden. Und gab dem Schäfer noch eine Warnung mit. Denn gut 150 Km entfernt war ein neues Rudel gesichtet worden. „Gut möglich, das unser einsamer Wolf, gar nicht so einsam ist, sondern nur den Kundschafter gemacht hat.“

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Doch der Morgen nahte, an dem der Schäfer sogar zwei gerissene junge Schafe fand. Und ein verletztes Tier, das von einem der neuen Hunde bewacht wurde.

Der Schäfer war langsam der Verzweiflung nahe. Er ging in das größte Dorf, etwa 15 Km entfernt, um Hilfe zu erbitten. Der Gemeinderat schlug vor, eine umzäunte Koppel zu bauen, in der die Schafe nachts verbracht wurden. Das würde viel Geld kosten, aber die Gemeinde und eventuell 2 weitere Nachbargemeinden könnten 50% bis 70% der Kosten übernehmen.

Man rechnete, telefonierte, besprach sich mit Holzhändlern, Zaunherstellern, die alle in der Gegend ansässig waren und sich gut untereinander kannten. Nach einigen Stunden stand das Konzept, die Berechnungen waren gegengerechnet worden. Der Schäfer stimmte seinem Anteil von 37,5% an der Gesamtsumme zu, er hatte das Geld, brauchte keinen Kredit zu beantragen, den ihm ein Gemeindemitglied und Chef der örtlichen Sparbank angeboten hatte. „Ich könnte ihnen da ein günstiges Angebot mit ausgezeichneten Konditionen machen. Und einen Investitionsfond, zur Absicherung des Kredites, reine Formsache!“

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Die Arbeiten wurden zügig erledigt auf einem Stück Land, das der Schäfer von seiner Familie geerbt hatte und auf einem weiteren Grundstück, das die Gemeinde ihm auf 25 Jahre, günstig verpachtet hatte.

So trieb der Schäfer also seine Herde jeden Abend in die großflächige Koppel und der Bestand an Tieren erholte sich, bald darauf erhöhte er sich sogar signifikant.

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Der Morgen ließ nicht lange auf sich warten, an dem der Schäfer den Tod von 4 Schafen feststellen musste.

Zudem war ein Hund ernsthaft verletzt worden und musste noch am selben Tag eingeschläfert werden.

Der Schäfer ging wieder in das Dorf, diesmal wollte er Krach schlagen. Die Wölfe, es gab keinen Zweifel, die Spuren waren eindeutig, es waren mehrere Tiere, mussten verschwinden. Auch der Gemeinderat sah eine Gefahr für die Menschen in den Dörfern und Gehöften und bewohnten Häusern, die außerhalb der Orte gebaut waren. Das Forstamt wurde zu Rate gezogen. Der Förster kannte seine Mitmenschen, er war selbst hier geboren und aufgewachsen. Er warnte vor einem verbotenen Abschuss der Wölfe und riet, sich an die Landesregierung zu wenden. Dort hatte man Spezialisten und ganze Abteilungen, die sich mit solchen Problemen beschäftigen mussten.

Der Schäfer verließ das Gemeindeamt, er wusste wieder ganz instinktiv, das er alleine dastand. Die Hilfe, die er benötigte, um seine Herde, seinen Besitz zu schützen, würde er nicht bekommen.

Er setzte sich auf den Marktplatz auf eine Bank. Da saß schon ein gut gekleideter Mann, der nicht von hier war. Der Mann hatte ein flaches Gerät in den Händen, wischte über die Fläche und tippte etwas ein. Dann telefonierte er mit jemandem und sprach in knappen Sätzen. Der Schäfer verfolgte das Gespräch nicht, er hatte gelernt, fremde Gespräche nicht zu belauschen und er hatte den Kopf voll, mit anderen Dingen.

Der Mann sprach ihn an, als er sein Telefonat beendet hatte. „Entschuldigen Sie, Sie sehen schlecht aus. Ist Ihnen nicht gut? Kann ich ich Ihnen helfen?“ Der Schäfer wollte nicht unhöflich sein, nicht schroff auf die erwiesene Anteilnahme reagieren: „Ja, wenn Sie mir Wölfe vom Hals schaffen können! Sonst geht es mir gut.“

Der Mann lehnte sich interessiert vor: „Wölfe? Hier?“ – „Ja, hier.“ sagte der Schäfer und erzählte seine Geschichte. Als er geendet hatte, sagte der Mann: „Ich darf mich mal vorstellen, mein Name ist von Straaten, bin aus Berlin, auf der Durchreise.“

von Straaten und der Schäfer gaben sich die Hand, dann fuhr der Mann fort: „Wissen Sie, ich habe beruflich mit Tieren zu tun. Ich glaube auch nicht, das man Ihnen von Seiten der Landesregierung schnell wirksame Hilfe zukommen lässt. Die treten sich dort nur gegenseitig in die Eier und jagen ihren Karrieren nach. Ich denke, sie haben nur eine Möglichkeit. Sie werden nicht umhin kommen, jede Nacht oder jene zweite Nacht ein Tier draußen, weit vor der Koppel anzubinden und so alle anderen Schafe retten. Nehmen Sie alte oder kranke, schwache Schafe als Köder. So retten Sie ihren Bestand.“

Der Schäfer überlegte: „Ja, aber das hilft doch nur eine beschränkte Zeit und es werden vielleicht immer mehr Wölfe kommen, wenn die merken, das es leichte Beute gibt.“

Richtig,“ antwortete von Straaten „Sie müssen sich Zeit verschaffen, bis die Beamten sich entschieden haben, was sie tun können und dürfen. Da muss die Gemeinde, der Bürgermeister und die hiesige Honoratiorenschaft auch Druck machen. Alleine schaffen sie das nicht. Sie sind ja kein Konzern mit 30 Anwälten und einer prallen Kriegskasse.“ Der Schäfer bedankte sich für den Rat und ging ins Gemeindehaus zurück. Dort überlegte er noch einmal das eben Gehörte und fasste den Entschluss, dem Rat des Herrn von Straaten zu folgen. Er betrat das Sitzungszimmer und wandte sich an den Gemeinderat.

Der Rat folgte der Rede des Schäfers aufmerksam und versprach bei der Landesregierung nicht locker zu lassen.

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Der Schäfer opferte ein Tier nach dem anderen. Monate vergingen, es wurde ihm keine Hilfe zuteil. Einmal besuchte ihn eine Delegation aus dem Ministerium, angeführt von einer Schreckschraube, die immer nur von Natur, Ökologie und Wildpopulation faselte. Bis der Schäfer seine beiden Hunde nach den Idioten schnappen ließ.

Sein Bestand verringerte sich zusehends. Die Hunde konnten nicht verhindern, das Wölfe trotz der Opfertiere auch wieder vermehrt in die Koppel eindrangen.

Die Gemeinde ließ ihn im Stich. Manche Räte ließen sich verleugnen, wenn er mit ihnen sprechen wollte. Der Förster sagte: „Du wirst nichts machen können. Da läuft etwas anderes ab, glaube ich. Ich weiß aber nicht, was.“

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Der Schäfer hatte nur noch etwa 70 Tiere und einen Hund. Sein treuer, mittlerweile 6 Jahre alter Hund war bei einem Kampf mit Wölfen gestorben. Er hob gerade die Grube aus, um das Tier zu bestatten, da kam der Gemeindevorsteher zu ihm hinaus.

Mit bekümmerter Miene sagte er: „Es tut mir so leid. Ehrlich. Wir haben getan, was wir konnten. Es hilft nichts und niemand. Pass auf, verkauf die Tiere, die Du noch hast, das Land das Dir gehört. Ich kenne jemanden, der es Dir abkaufen wird, für einen wirklich guten Preis. Lass Dich hier nieder, nimm einen Job beim Forstamt an, Du kannst doch gut mit dem Förster. Das ist alles was wir für Dich tun können.“

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Der Schäfer ohne Schafe überschlief den Vorschlag. Er sah keine Möglichkeit, sein bisheriges Leben fortzusetzen. Die Gemeinde half nicht, die Landesregierung tat nichts und die Wölfe fraßen ihm die Tiere weg.

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Er fuhr mit dem Gemeinderat in die große Stadt, die er bisher nur zwei oder drei Mal besucht hatte. Man fuhr zu einem Notar und er unterschrieb die Verkaufsverträge für die paar Schafe und sein Land. Das waren immerhin 2 Hektar, aber eben kein Bauland. Die Steuern und Gebühren übernahm der Käufer, der sich von einem Anwalt aus Berlin vertreten ließ. Er schaute sich gar nicht den Namen des Käufers an, so nahm er gar nicht wahr, das sein Land nun in den Besitz eines internationalen Konzerns übergegangen war.

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Der Schäfer war nun Forstarbeiter geworden. Er hatte sich eine kleine Hütte am Rande des Waldes, mit Erlaubnis der Forstverwaltung, gebaut. Das Geld aus dem Verkauf lag auf einem Bankkonto. Er brauchte nicht viel zum Leben und er hatte zudem noch seinen Lohn als Forstarbeiter, aber auch das war nur ein befristeter Arbeitsvertrag mit einer 30 Stunden Woche. Der Förster glaubte aber, das der Vertrag bei Zeiten verlängert werden würde. Schließlich wurden seine Arbeit und seine Kenntnisse gebraucht.

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Auf dem Land des Schäfers, das durch Land der Gemeinde und weitere Zukäufe aus privater Hand auf eine zusammenhängende Fläche von 200 Ha vergrößert worden war, hatte ein industriell ausgerichteter internationaler Lebensmittelkonzern einen Mast- und Schlachtbetrieb errichtet, der bald um eine Fabrik zur Produktion von Fleisch- und Wurstwaren erweitert werden würde.

Der Konzern zahlte fast keine Steuern, weil er in einem strukturschwachen Gebiet investierte und Arbeitsplätze schuf. Die EU förderte und subventionierte mit Millionen Euro. Die Arbeitsplätze gingen an den Einheimischen vorbei. Der Konzern hatte Arbeiter aus Polen, Rumänien und Bulgarien geholt, die dort bei den konzerneigenen Firmen angestellt waren und nach Deutschland geschickt wurden. Der Betrieb lief 24 Stunden an 7 Tagen der Woche und wurde von Politik und Wirtschaft als vorbildliches Vorzeigeunternehmen mehrmals prämiert und ausgezeichnet.

Die Dörfler konnten den Bau eines Groß-Bordells ebenfalls nicht verhindern. Aber es gab Veränderungen in den Gemeinderäten von 4 Dörfern. Weil die meisten alten Gemeinderäte ihre Ämter aufgaben und wegzogen. Nach Ibizia, Sardinien, einer sogar auf die Antillen.

Die Wölfe waren auch nicht mehr da, es gab eine Zeit, kurz nach dem bekannt wurde, das ein großer Konzern in die Gegend investieren würde, da fielen Nacht für Nacht Schüsse, fast 3 Wochen lang. Danach war nachts wieder Ruhe.

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Woher ich diese Geschichte kenne? In meinem letzten Urlaub bin ich mal einem Forstarbeiter mit Schäferhund begegnet….

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2 Comments

    1. Wird bestimmt irgendwie, irgendwo so, oder ähnlich passiert sein.
      Bäcker, Metzger, Schneider, Mittelständler, es kann jeden treffen und hat schon so viele getroffen.
      Bei mir ist es ein Schäfer 🙂

      In den USA hätte der Konzern seine Söldner von Blackwater oder Cerberus schon in der ersten Zeile beim Schäfer vorbei geschickt…..

      Gefällt mir

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