Im Theater

Erlebnisse und Eindrücke aus dem Staatlichen Schauspielhaus Deutschland.

Ich sitze schon lange hier, weit über 50 Jahre.

Ich habe ein lebenslanges Dauerabonnement. Nicht übertragbar.

Kostenlos und doch unverschämt teuer durch die Nebenkosten, die ein alternativloser Bestandteil des Kleingedruckten sind. So umfangreich, das sie auf der kleinen Dauerkarte gar nicht aufgelistet werden konnten.

Vorne, auf der Bühne, da ist es schön. Teuer ausgestattet. Das sieht man sofort, denn die teilweise überladen wirkende, aber irgendwie doch geschmackvolle Kulisse strahlt Reichtum, Glanz und Macht aus. Viel Gold, Silber, feinste Stoffe, echte schwere Möbel, sogar Luxuslimousinen, schöne, elegante Damen, seriös und teuer gekleidete Herren bevölkern die riesengroße Bühne.

Damit jeder Zuschauer auch jeden Winkel der Bühne sehen kann wurde das Publikum weit entfernt placiert. Das Haus verteilt Ferngläser, für die Interessierten. Die Gläser sind alle mit einem weichen rosa Farbton eingefärbt.

Die Beschallungsanlage ist enorm. Wenn die Regie will, kann selbst der allerletzte Platz das leiseste Geräusch auf der weit entfernten Bühne mühelos deutlich verstehen. Das kommt aber nicht so oft vor, weil die Regie nur sehr selten die Notwendigkeit erkennt, jeden Ton auf der Bühne in den Zuschauerraum zu übertragen.

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Der Zuschauerraum. Ich muss mich drehen und wenden, um mehr Einzelheiten beschreiben zu können. Ich wundere mich, denn eigentlich ist das kein Zuschauerraum im herkömmlichen Sinne.

Es gibt einige wenige prunkvolle Plätze, fast nicht einsehbar, riesengroß, bewacht und abgeschottet.

Es gibt normale Plätze, aber sie sind deutlich weniger geworden als noch vor 15 Jahren. Viele Plätze sind leer und ich sehe ziemlich viele Leute, die mit Koffern bepackt von diesen Plätzen, anderen, viel schlechter aussehenden Plätzen zustreben.

Dort ist es eng, fast keine Sitzplätze, schmutzig, laut, dunkel, gedrängt, überfüllt. Viele Alkoholisierte, Drogen werden konsumiert. Gewalt herrscht vor. Diese Ecke ist von Polizei abgesperrt, aber nicht vollständig. Zu wenige Beamte sind im Einsatz, einige haben sich abgewendet und unterhalten sich, verschwenden keinen Blick mehr auf das Chaos hinter ihnen. Sie schauen müde und desillusioniert aus, als wüssten sie um die Aussichtslosigkeit ihrer Aufgabe.

Mir fallen die vielen Büros mit der Aufschrift „Jobcenter“ auf. Niedergeschlagen dreinblickende Menschen, viele in gebückt gehender Haltung gehen dort ein und aus, ein nicht enden wollender Strom von unglücklich und gequält dreinblickenden Gestalten, die Unmengen an Papieren mit sich herum schleppen, Nummern ziehen, bangen Blickes warten, aufgerufen und von ernst dreinblickenden Wichtigtuern, nach Aufruf verwaltet werden.

Ganz wenige Menschen wehren sich, dann wenden die Wichtigtuer „Sanktionen“ an. Jeder der Drangsalierten und Fremdbestimmten dort dreht den Kopf weg, schaut auf den Boden. Keiner steht auf und sagt „Wir müssen uns organisieren“. Man hilft sich nicht.

An diesen Orten ist fast keine Ordnungsmacht nötig, die Drangsalierten sorgen selbst für „Ordnung“, durch ihre Abgestumpftheit, ihre HOFFNUNGSLOSIGKEIT. Sie haben früher Solidarität nie gekannt, nie gebraucht, sogar abgelehnt. Früher waren sie „Sieger“, zumindest haben sie das mal geglaubt. Und jetzt wollen sie ihre neue Situation nicht annehmen, sie wollen es wieder alleine, wie damals, schaffen

Dieser arme Teil des Auditoriums ist sehr groß, aber flächenmäßig schon jetzt zu klein, denn immer mehr Zuschauer finden sich dort ein. Manche schauen traurig auf ihre alten Plätze im Mittelteil.

Ganz wenige glauben, das sie dort eines Tages wieder sitzen werden.

In diesem Teil des Zuschauerraumes schaut fast niemand mehr nach vorne auf die Bühne.

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Auch im Mittelteil sehe ich immer mehr Zuschauer, die schlafen, oder sich einem I-Pad, einem Smart-Phone, einem Computer zugewandt haben. Spielen, lesen, Filme gucken, einkaufen, das Leben und ihre Mitmenschen um sich herum nicht mehr beachten.

Auf der Bühne ist die ganze Zeit Programm. Gesunde, gut genährte, fein gekleidete Schauspieler, viele seit mehr als 30 Jahren auf dieser Bühne.

Bekannte Gesichter und immer unglaubwürdiger, weil lustloser, spulen sie ihren Text herunter. Viele fassen sich immer wieder an ein Ohr, damit sie die Anweisungen der Regie besser verstehen. Sie reden, fast ohne Unterlass. Manchmal halten sie mitten im Text inne und reden dann weiter, aber das genaue Gegenteil von dem, was noch Sekunden vorher behauptet wurde.

Immer mehr reden von NATO, Vorne-Verteidigung, Aufrüstung, Russland ist der Feind, Amerika ist der Freund, Ressourcensicherung, Verantwortung übernehmen.

Gegen Umverteilung, gegen soziale Gerechtigkeit, gegen Steuererhöhungen für Reiche, gegen wirksame Bankenkontrollen, gegen Ausländer, gegen Flüchtlinge.

Für Austerität sind sie, fabulieren vom „Sparen“, meinen aber Ausgabenkürzungen für alle sozialen Notwendigkeiten. Dies ist auch nicht mehr die Aufgabe der Staatsschauspieler, das haben die Schauspieler vor langer Zeit alle zusammen beschlossen.

Da sind ein paar neue, sehr laute und unangenehme Schreier, sie reden von national, Deutsch sein, völkisch und auf einmal ist das Publikum hellwach. Viele schreien mit, sie wollen es „denen da oben, vor allem der Merkel jetzt mal richtig zeigen“ Und „Ausländer ‚raus“.

Eine kleine Gruppe demokratischer Sozialisten sitzt in einem Käfig und debattiert. Das tun die schon lange, sie kommen aus ihrem Käfig nicht heraus und sprechen nicht mit denen, denen sie angeblich helfen wollen. Sie überzeugen das Publikum nicht von ihren richtigen Ideen. Wenn mal ein Interessierter vorbei kommt, geben sie ihr Parteiprogramm kommentarlos heraus. Denn sie sind die Guten mit der richtigen Medizin, aber darauf muss das Publikum schon selbst kommen. Manchmal steht eine Frau auf, geht zu der von innen verschlossenen Tür, um sie zu öffnen, aber dann stehen sofort andere Genossen hinter ihr und ziehen sie, wild auf sie einredend, wieder zurück.

Ich sehe viele wichtig aussehende Damen und Herren in teurer Kleidung. Sie haben alle Aktentaschen, Notebooks und ein wissendes Lächeln im Gesicht. Sie heißen Lobbyist, BDI, Arbeitgeberverbände, Berater, Rüstungsindustrie, Weltkonzern, Investmentbank, Asset-Management-Fond, Niedriglohnsektor, Zeitungen, TV, EU, EZB, US-Regierungsstellen, Meinungsforscher, Menschen mit Blähungen aus der Volks- und Betriebswirtschaft, jede Menge Juristen und viele diffus wirkende Gestalten mit Glaskugeln.

Alle kommen sie leise und unaufgefordert auf die Bühne, werden herzlich von den Schauspielern begrüßt. Man steckt die Köpfe zusammen, spricht kurz miteinander, ein Händedruck und schon spielen die Schauspieler weiter, als sei nicht gewesen.

Manchmal gibt die Regie auch Anweisung und ruft einzelne Protagonisten hinter die Bühne, zu Geheimverhandlungen.

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In der Mitte der Bühne steht eine prunkvolle Sänfte. Da sitzt seit vielen Jahren eine Frau drin. Sie hatte schon viele Sänftenträger und alle Träger sind mit der Zeit irgendwie kleiner geworden oder verschwunden.

Ich schaue zufällig nach oben, dort steht der Titel der aktuellen Aufführung in schlichter Schrift: „2016 – Drama in 12 Akten“.

Dabei fallen mir die riesigen, abgedunkelten Panoramascheiben auf, weit über der Bühne angebracht. Es muss der Regie-Raum sein. Ich kann nichts erkennen, keine Schatten, keine Bewegungen. Es wirkt so, als ob niemand da wäre. Aber das glaube ich nicht.

Im Zuschauerraum, in einem kleinen Teil zwischen dem Mittelraum und dem von Polizei bewachten armen Teil stehen und sitzen ein paar Menschen, reden und regen sich über die Aufführung auf, versuchen die Zuschauer aus dem Mittelteil und dem Armenteil über das Schauspiel aufzuklären.

Es ist vergebens. Fast niemand hört hin, ganz wenige in diesem Zirkel diskutieren nur untereinander, manche reden nur dummes Zeug, weil sie wissen, das Meinungen eben auch völlig substanzlos sein dürfen. Das ist der Regie durchaus willkommen. Ab und zu schaut jemand kurz vorbei, reckt den Daumen gut sichtbar für den Regieraum in die Höhe. Alles ok, niemand vom Publikum hört hier zu. Geschlossene Debattierzirkel.

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Es hilft nichts, die Luft wird immer schlechter, mir ist übel. Schon lange, aber ich hatte ja auch immer wieder und immer weiter gehofft, die Luft würde besser, das Stück würde besser. Und jetzt muss ich die Toiletten suchen. Sie sind weit entfernt von meinem Platz. Ich lege meine Dauerkarte auf meinen bescheidenen Stuhl, denke an den Sessel von früher, muss dann doch lachen, weil ich weiß, das er mich nur faul, fett und träge werden ließ.

Auf der Toilette ist die Luft besser, überraschend wenig Menschen. Ich übergebe mich, wasche Gesicht und Hände mit kühlem Wasser und höre hinter mir eine bekannte, absolut unangenehme Stimme, die immer wieder wiederholt: „Jeder kann es schaffen“, gefolgt von dröhnendem, herzhaften Gelächter, aus dem tiefsten Inneren dieses Typen dringend. Er raucht eine Cohiba, ich kann die aufdringliche Binde auf der Cigarre erkennen.

Na, verlaufen?“ fragt die Gestalt in herausforderndem Ton. „Nur für Personal. Beim Lesen lernen haste‘ gefehlt, wa?“ – „Für Zuschauer is die Pissrinne da hinten, am Ende vom Flur, da ohne Licht.“

Den kenne ich doch! Es ist mir wurscht, für wen das hier ist. Ich gehe auf den Kerl zu, trotz jeden Schrittes auf ihn zu, bleibt er immer gleich weit weg von mir. Na schön, ich frage ihn nach dem Ausgang aus diesem Theater. Ich will weg, nur weg, woanders hin.

Wieder ein dröhnender Lacher, diesmal mit hämischem Unterton. „Ausgang? Keine Chance. Ist außerdem überall gleich beschissen da draußen.“ „Für Typen wie dich“ fügt er hinzu.

Er sieht mir meinen Unglauben an und sagt: „Komm ma‘ mit. Ich zeig dir was.“

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Wir stehen im Regie-Raum. Großes Hallo, Schulterklopfen, Gelächter, Zoten fliegen hin und her. Das Ding ist riesengroß. Überall Monitore, Bilder aus dem Zuschauerraum und von der Bühne. Von hinter der Bühne. Hinter der Bühne ist doppelt so viel Platz wie auf der Bühne. Und viel mehr los. Wie ein Ameisenstaat.

Wer seid ihr?“ frage ich die paar Anwesenden. Sie schauen auf, nicht uninteressiert, nicht unfreundlich und doch mit durchdringenden Blicken. „Wir sind ALLES. Das Leben, die Macht, das Geld.“ „Ach so, die Bilderberger“ sage ich.

Ich ernte großes Gelächter: „Nein, die Clowns sitzen da unten und lenken von uns ab. Wie viele andere Clubs auch. Nicht nur in diesem Theater“

Warum macht ihr das alles?“ frage ich, denn ich kann mir nicht Unsinnigeres vorstellen, als das, was hier von ein paar wenigen Menschen ausgedacht und initiiert wird.

Weil WIR es wollen und können. Und ihr da unten nicht, weil ihr Herdentiere seid. Und jetzt möchten wir gerne mal wieder ein bisschen Schicksal sein. Es geht um deinen nächsten Kanzler. Eigentlich eine Petitesse, aber manchmal müssen wir kurzfristig umdisponieren. Wie’s eben am besten hinkommt. Für UNS.“

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Ich gehe zurück zu meinem Sitz. Auf dem Weg dorthin treffe ich viele andere Zuschauer. Ich will ihnen mitteilen, was ich erlebt habe. Niemand glaubt mir. Ich ernte mitleidige Blicke, Lacher, werde sogar von nicht Wenigen beschimpft. Ich kriege einen Aluhut geschenkt.

Ich gebe es auf, setze mich schweigend wieder hin und bestelle mit eine Currywurst mit doppelt Fritten, rot-weiß und ’ne Cola. Beim Kauen und Schlucken überdenke ich mein Leben, meine Gedanken, mein Ich, was ich wollte und will, was ich hier mache, was ich hier noch machen soll und noch machen könnte.

Ich sehe mich um, denke an das Wort „Herdentiere“, denke das bin ich nicht, aber auch keiner von den Wölfen. „Scheiße, was bist Du denn dann, hä?“ frage ich mich unzufrieden.

So ist es passiert, gestern, vorige Woche, bereits mein ganzes Leben.

Ischwöre!“

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